Die
unsichere Kurvenschar
Auszug aus dem Text zur Ausstellung "Asynchronous
Circuits" in der Galerie Stadtpark Krems
von
David Komary
In der dreiteiligen installativen Anordnung Die unsichere Kurvenschar
arbeitet Judith Fegerl mit mathematisierten Beschreibungsformen und Zeichensystemen
räumlicher und zeitlicher Abläufe. Die Arbeit verweist auf das
wesentliche epistemologische Begehren der neuzeitlichen Wissenschaften,
auf die Mathematisierung der natürlichen Vorgänge mit dem Ziel
der absoluten Erfassung der Welt. Das zentrale Motiv der Arbeit Fegerls
ist das mathematische Zeichen für Unendlichkeit, die sogenannte Lemniskate
„∞“. Einerseits verweist das Zeichen auf einen Bereich
des Unbestimmten, des Grenzenlosen und Unvorstellbaren, auf „Unendlichkeit“,
andererseits erhält es, wie jedes andere Zeichen auch, seine referenzielle
Funktion gerade durch den Verweis auf ein realiter Abwesendes. Das Zeichen
„∞“ ist jenseits seiner Symbolisierungsfunktion in Mathematik
und Logik zudem längst zu einer kulturellen Chiffre geronnen, zu
einem Träger poetischer bis eskapistischer Projektionen und Aufladungen.
Dieses polyseme Zeichen wird nun zum Modell für ästhetische
Variationen, für Variationen zeichenhafter Codierung der vermeintlich
getrennten ontologischen Kategorien Raum und Zeit.
In Temporal Deflector, dem ersten installativen Teil
des Gefüges Die unsichere Kurvenschar, inszeniert Fegerl ein „locochronometrisches“
System. Die Künstlerin gruppiert sechzig Magnetspulen kreisförmig
um einen Kompass und steuert die Spulen intervallbasiert, sodass der Kompass
erzwungenerweise zum Chronometer der linear-metrischen Zeitlichkeit, einer
maschinell generierten „Unendlichkeit“ wird – monoton,
getaktet, repetitiv. Raummessung (Verortung durch den Kompass) konvergiert
und konvertiert in diesem metrischen Hybrid mit Zeitmessung. Die zwei
in der klassischen Physik ontologisch getrennt gedachten Kategorien werden
zu einem Raumzeitkontinuum verschränkt. Das „Locochronometer“
erzeugt hierbei eine „erzwungene Ewigkeit“ (so auch der Titel
einer früheren Arbeit Fegerls), die die Künstlerin im zweiten
Teil der Installation motivisch aufgreift und weiterbefragt.
In sine anima erzeugt Fegerl mechanisch ein künstliches
Klangkontinuum von simpler ästhetischer Struktur. Ein motorbetriebener
mechanischer Tongenerator versucht einen Sinuston von anhaltender Tonhöhe
und Lautstärke, einen immergleichen, „unendlichen“ Ton
zu erzeugen. Doch nicht allein die akustische Ebene der Arbeit ist von
Bedeutung. Das ästhetische Ereignis Klang wird bei Fegerl seiner
zeichenhaften Übersetzung gegenübergestellt: Die grafische Repräsentation
des Sinustons, die Sinuswelle, bildet eine Hälfte des Unendlichkeitszeichens
„∞“. Fegerl untersucht den Übergang von einem Medium
ins andere, von der Zeichenhaftigkeit ins Objekthafte und umgekehrt. Sie
fragt nach der Medialität im Prozess der Wahrnehmung, wobei Medialität
nicht als Distanzierung und Dissoziation von einer authentisch erfahrbaren
Wirklichkeit verstanden wird, sondern vielmehr als „Mediosphäre“,
als „Inszenierungsbühne“ (2). Wahrnehmung und Medium
gehören darin untrennbar zusammen, Medialisierung erst ermöglicht
das Reflexivwerden der Wahrnehmung und in der Folge die Frage nach dem
Beobachterstandpunkt.
In der dritten Arbeit verdichtet Fegerl den Prozess der intermedialen
Übertragung schließlich zu einem skulpturalen Werk, indem sie
das Unendlichkeitszeichen als Fellobjekt Lemniskate Protuberantia
modelliert. Das auf diese Weise in die dritte Dimension überführte
Zeichen für Unendlichkeit zeigt sich nun als halb Objekt, halb Wesen.
Das Fellobjekt lässt an einen weißen Hasen denken, ein Wesen,
das in Alice im Wunderland zwischen unterschiedlichen Realitätsebenen
wechseln kann. Es vermag die konventionalisierten Raum- und Zeitordnungen
außer Kraft zu setzen, Räume und Zeiten sowie imaginäre
und reale Ebenen zu verbinden und ineinander überzuführen.
Man könnte die Praxis Fegerls durchaus als transmediale Durchführung
eines Motivs verstehen. Abstrakte Zeichen werden ins Räumlich-Materielle
transkribiert, Akustisches in Grafisches und umgekehrt, wobei der Prozess
der Transkriptionen sich fortschreibt in einem „asynchronous circuit“,
d.h. nicht gerichtet, keiner kausalen, keiner „getakteten“
Logik folgend. Vielmehr führt eine Arbeit zur anderen, stets erscheint
eine Arbeit als impliziter Teil einer anderen. Fegerl verknüpft,
der Figur des Hasen in seiner vermittelnden und übersetzenden Fähigkeit
nicht unähnlich, unterschiedliche mediale und semiotische Ebenen.
Weder ist das Fellobjekt realer als das Zeichen, das ihm in seinem Entwurf
vorangeht, noch umgekehrt.
(1) Nelson Goodman, Weisen der Welterzeugung, Frankfurt a. M.: Suhrkamp
1984. (2) Hans Ulrich Reck, Flügelschlag der Sehnsucht, Ein Versuch
über das Ephemere und das Denken, in: Heute ist Morgen, Über
die Zukunft von Erfahrung und Konstruktion, Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz
2000, S. 185.
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