| Das
Auge hinters Licht geführt
Von Rainer Elstner
Judith Fegerl im Künstlerporträt.
Mittwoch,
19. April 2006, Wiener Zeitung
London. Was sieht man beim Sehen? Wie lässt sich das Sehen manipulieren?
Und was bedeutet das für die Kunst? Komplexe Prozesse der menschlichen
Wahrnehmung stehen im Mittelpunkt von Judith Fegerls Arbeiten für
das Austrian Cultural Forum in London.
Das Installations-Triptychon "white light" ist von 5. April
bis 4. Mai im noblen Stadtteil South Kensington zu sehen. Es ist dies
die letzte Ausstellung, bevor das Mehrspartenhaus umgebaut und renoviert
wird.
Die in Wien lebende Künstlerin führt das Auge gekonnt hinters
Licht. Mit grünen Lichtblitzen hinterlässt die Installation
"Will-o-the-Wisp" (Irrlicht) Nachbilder auf unserer Netzhaut.
Gleichzeitig betrachtet man ein Video, das ähnliche Strukturen wie
diese Schatten zeigt. Bald ist nicht mehr klar, was man sieht - das Video
oder die Bilder, die unser Auge selbst produziert?
Der Betrachter wird auf sich und seine Sinne zurückgeworfen. "Ich
versuche Emotionen oder Erfahrungen, die ich selber gemacht habe, technisch
zu reproduzieren und sie so aufzubereiten, dass ein Betrachter sie wieder
erfahren kann – auf seine eigene Weise", erläutert die
Künstlerin, die zuletzt Ausstellungen bei der Biennale Warschau,
in Prag, Paris und Nairobi hatte.
"Teardrop Floaters" simuliert die Fäden und Trübungen
im Glaskörper des Auges, die die meisten Menschen sehen, wenn sie
gegen eine Lichtquelle schauen. Auch hier verwischen sich schnell die
Grenzen zwischen Betrachter und Betrachtetem, wird die Schnittstelle zwischen
Realität und Virtuellem zum Thema von Judith Fegerls Kunst.
Fegerl führt den Betrachter an die Grundfragen der Kunst und der
Kunstbetrachtung. Das mache sie "zu einer der spannendsten jungen
KünstlerInnen in Österreich", begründet die Kuratorin
Eva Martischnig, weshalb sie Judith Fegerl nach London eingeladen hat.
Fegerls Arbeiten sind vielschichtig und wirken unmittelbar.
"Es ist mir wichtig, dass es für den Betrachter eine Möglichkeit
gibt, die Arbeit begreifen zu können, ohne vorher ein Hundert-Seiten-Handbuch
lesen zu müssen", betont Fegerl. "Man kann natürlich
in die Tiefe gehen, wenn man bereit ist, die Zeit zu investieren."
Judith Fegerl, Jahrgang 1977, hat ihre Studien in Wien an der "Bildenden"
und der "Angewandten" abgeschlossen. "Ich habe durch diese
Kombination sehr viel gelernt: In der Klasse von Peter Kogler den Zugang
zur zeitgenössischen Galerie-Basierten Kunst und den sehr analytischen
Zugang zu aktueller Kunst. Und auf der anderen Seite die Verwendung von
Technologie und den medientheoretischen Diskurs, der in der Klasse von
Karel Dudesek oder Peter Weibel stattgefunden hat."
Inspiration holt sich Fegerl nicht nur aus der Kunstwelt, die Wissenschaft
und ihre Errungenschaften spielen eine zentrale Rolle. Hochspannungstransformatoren,
Infrarotstrahlen, Laser, Infraschall - Fegerl bedient sich der Technologie,
um unsere Wahrnehmung auf die Probe zu stellen.
"In gewissen Wissenschaftszweigen steht Technologie zur Verfügung,
von denen ein Künstler nur träumen kann", sagt Fegerl.
"Warum soll ein Künstler nicht auch mit solchen Mitteln arbeiten
und thematisch an solche Dinge anknüpfen?" Man kann. Und kommt
im Falle von Judith Fegerl zu beeindruckenden künstlerischen Ergebnissen.
Judith
Fegerl: "white light", Austrian Cultural Forum London, bis 4.Mai
2006, Montag - Freitag: 9.00 - 17.00 Uhr, 28 Rutland Gate, London SW7
1PQ, T: 0044/(0)207 584 8653, http://www.austria.org.uk/culture
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