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NÖ: Heimliche Heimat im Wasserkopf
VON ALMUTH SPIEGLER (Die Presse) 05.10.2005


"Kunst Raum NÖ". Am Donnerstag wird er mit der Schau "Profiler" in Wien eröffnet.
Die roten Teppichläufer dieser Welt leiten meist zielsicher zum Zentrum der Macht, sind Laufstege der Eitelkeiten, die Aorta eines jeden Repräsentierkörpers sozusagen. Nur dann nicht, scheinbar, wenn die Niederösterreicher die Wiener in ihren Exil-"Kunst Raum" im ehemaligen Landhaus in der Herrengasse bitten. Da werden die wasserköpfigen Konditionierungen subversiv an der Nase genommen, da lässt der - allerdings oberösterreichische - Künstler Michael Kienzer den im Hof des frisch renovierten "Palais Niederösterreich" ausgelegten Teppich vor dem Prunksaal elegant abschwenken und auf Abwege führen: in den Seitentrakt, zur zeitgenössischen Kunst, die sonst eher selten am Ende der roten Läufer lauert.
Was hier lauert, ist allerdings beachtlich. Sieben Amateur-"Profiler", so der aus dem Polizei-Jargon entlehnte Ausstellungstitel, versuchen hier auf Einladung der "Kunst Raum"-Leiterinnen Christiane Krejs und Verena Kaspar, die Identität des Phantoms "Niederösterreich" zu lüften. Dabei sind die Methoden der jungen Künstler, allesamt zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreißig, derart originell und unbefangen, dass sich sogar der schwer zu bespielende, weil zweischiffig, mit Gurtbögen überspannt und mit denkmalpflegerischen Auflagen belastete 300-Quadratmeter-Raum nicht gegen sie aufzuspielen vermag. Sogar die thematische Zwangsumarmung schien in diesem überraschenden Fall mehr befruchtend als würgend - und auch mit der Quote wurde es nicht so genau genommen: Nur drei der vertretenen Künstler könnte Niederösterreich als "Heimat" angelastet werden.
Ein Begriff, den die Kaltenleutgebenerin Judith Fegerl mit ihrer so heimelig anmutenden Installation "Nest" gleich subtil vernichtet: Von der Decke hängende, lampenförmige Keramikteile induzieren per Infrarotenergie im darunter Schutz suchenden Subjekt Wärme, auf die zwar jeder anders reagiert - aber keiner hält es hier lange aus. Fegerl selbst etwa bekommt Kopfweh davon. Heimat eben. Ähnlich abstrakt löste der Klosterneuburger Nikolaus Gansterer seine Annäherung an zuhause: Mit einer schwebenden zerknitterten Packpapierwolke, die fragilen Unterschlupf gewährt und von zu sozialen Mikro-Strukturen verkeilten Modellfiguren bevölkert wird.
Konkreter in den niederösterreichischen Saft konnte dagegen die gebürtige Russin Anna Jermolaewa tauchen: Sie tauschte Wodka gegen Veltliner und verkostete sich bei einer exzessiven Tour de Force durch scheinbar sämtliche Weingüter von Fels bis Wagram. Ein für Niederösterreicher nahezu unvorstellbares Sakrileg erlaubte sich auch die Pariserin Elise Mougin, die der Venus von Willendorf tatsächlich den Kopf abriss und den Latex-Torso dann noch "Capital Caput" nannte. Wien, das große Loch im Herzen von Niederösterreich, scheint eben immer noch schwer zu verkraften sein.
Um das Verhältnis Stadt/Land kreist auch der Südtiroler Siggi Hofer in seinen großen Zeichnungen, die landschaftliche Struktur Niederösterreichs, bestehend aus vier Vierteln, spiegelt Jochen Höller mit vier Staubsaugern wider - alle beklebt mit NÖ-Werbesprüchen und eigenen Kommentaren. Nett. Ans Eingemachte geht noch einmal Stephan Lugbauer, der eine spezielle niederösterreichische Ausprägung des traditionellen Hochzeitsschießens dokumentierte: Der etwas andere Mechaniker-Verein "Hubraumchaoten" bastelte dafür eine Gaskanone im Flak-Stil, ein martialisches Gerät, das sich in Verbindung mit idyllischem Dörfchen und unschuldiger Braut zum phallischen Gewalt-Monstrum mausert. Völlig durchgeknalltes Brauchtum. Aber immerhin, es lebt.

 

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